27 Juni 2013
 Juni 27, 2013

Das Märchen von deutscher Zoo-Transparenz

EZ Foto Slider Junhold Märchen MonatEs war einmal Jörg Junhold. Im Jahr 1997 wird er Geschäftsführer des Zoo Leipzig. Im Oktober 2011 ernennt man ihn zum Präsidenten der „World Association of Zoos and Aquariums“ (WAZA). Noch heute bestreitet er diese Funktion.

Während des Fachgespräches „Zoo der Zukunft“ am 04.03.2013 in Berlin, an dem Zoo-SpeziesistInnen, Tierschützer- und TierrechtlerInnen aus ganz Deutschland auf Einladung von Undine Kurth (Bündnis 90/ Die Grünen) teilnahmen, ließ Herr Junhold es sich nicht nehmen, unser „Zoo-Märchen des Monates“ zu verbreiten:

„Wir (die Zoos) haben Nichts zu verbergen“!

Internationale Haltungsrichtlinien

Doch die Realität sieht wieder einmal anders aus. So wurden vor kurzem etliche internationale Haltungsstandards (Husbandry Guidelines) auf diversen Internetseiten bewusst entfernt, weil deutsche Tierschutzverbände auf die oft besseren internationale Haltungsstandards diverser Tierarten hinweisen und zur Aufwertung des veralteten deutschen Säugetiergutachtens (Leid-Linien) heranziehen wollten. Auch auf Tierschutznachfrage waren die Zoos offensichtlich nicht bereit, diese Haltungs-Standards herauszugeben. Selbst der „Berufsverband deutscher Zootierpfleger“ (BdZ) wies seine Mitglieder im Zusammenhang mit den internationalen Standards darauf hin, die „Gegner nicht zu unterstützen“ und mahnte: „… seid vorsichtig, denn sonst kann ein Husbandry Guide der erste Schritt zum Haltungsverbot sein“. Dass es sich bei diesen Haltungsstandrads um modernere und demzufolge auch bessere Haltungsbedingungen handelt, die letztendlich auch für ein Plus an Wohlergehen bei den Zoo-Insassen sorgen, ist diesen Wärter-Vertretern offenbar nicht so wichtig.

Tierbestandslisten

Auch eine der letzten öffentlichen Tierbestandslisten, die ISIS-Datenbank, ist mittlerweile auf ihrer Homepage „zugangsgeschützt“ und nicht mehr für jeden einseh- und auswertbar. Und das, obwohl der „Verband der deutschen Zoodirektoren“ (VDZ) das Fehlen von Zoo-Bestandslisten vor wenigen Monaten auf ihrer Homepage noch als glatte Tierschützer-„Lüge“ bezeichnet hatte. Nun haben mündige und kritische BürgerInnen bis auf wenige Ausnahmen (Zoo Stuttgart), keine Möglichkeit mehr, sich selbst ein detailliertes Bild von der Zoo-Realität zu machen. Man bedenke, fast alle deutschen Zoos kommen nicht mehr ohne öffentliche Förderung (Steuergelder) aus. Doch während die Zoos bei der Vergabe öffentlicher Geldern ihre Hände gern aufhalten, verschränken sie diese noch lieber wenn es um Informationen und Transparenz bei der Verwendung dieser Gelder geht. Und um es gleich richtig zu stellen, wenn wir von Bestandslisten sprechen, geht es nicht um die inhaltlosen Zahlenangaben vieler Zoos auf ihren Internetseiten.

Zuchtbücher

Auch europäische und internationale Zuchtbücher, über deren Vorhandensein der Zoodirektorenverband auch sehr gern berichtet, sind besser geschützt als Deutschlands Goldreserven. So blieb z.B. die wiederholte Forderung nach Einsicht in das Europäische Erhaltungszuchtprogramm diverser Tierschutzverbände bisher erfolglos. Aber auch andere europäische und internationale Zuchtbücher bleiben von einer kritischen und unabhängigen Prüfung größtenteils verschont. Warum eigentlich? Weil dann das Märchen der „selbsterhaltenden Gefangenschafts-Populationen vieler Tierarten“ aufgedeckt wird? Was wäre, wenn die Öffentlichkeit erfährt, dass viele Erhaltungszuchtprogramme eine Sackgasse darstellen? Wie würden die SteuerzahlerInnen und ZoobesucherInnen reagieren, wenn sich die große Zoo-Ineffektivität offenbart? Wenn klar wird, dass die in der Zoo-Gefangenschaft verschwendeten Gelder im Erhalt von Lebensraum hundertfach effizienter angelegt wären?

Informationsfreiheitsgesetz

Dass sich BürgerInnen erst mit Hilfe von Gerichten die ihnen eigentlich rechtlich zustehenden Informationen z.B. über die Gefangenschaftshaltung von Delfinen in deutschen Delfinarien erstreiten müssen, ist nur ein weiterer Beweis für die mehr als mangelhafte Informationspolitik deutscher Zoo-Gefangenschaften. So musste erst ein Gericht die Leitung des Tiergartens Nürnberg dazu zwingen, deutsche Gesetze einzuhalten. Und auch Achim Winkler, Direktor des Zoos in Duisburg, weigert sich bis heute vehement, den BürgerInnen das Recht auf Delfin-Informationen zu gewähren. Denjenigen BürgerInnen, die die Duisburger Gefangenschaftshaltung mit ihren Steuerabgaben mitfinanzieren. Laut Zoodirektor Pagel (Fachgespräch „Zoo der Zukunft“ in Berlin 2013) liegt der städtische Zuschuss pro Zoobesucher bundesweit bei derzeit durchschnittlich 1,63 Euro.

Jahresberichte

Noch vor wenigen Jahren veröffentlichte fast jeder große deutsche Zoo einen Jahresbericht. Darin informierten die Zoos ausführlich über Tiergeburten, Tierzugänge, Tierabgaben, Tierverluste, Baugeschehen oder Besucherzahlen. Auch über die Verwendung von Finanzmitteln (Geschäftsbericht) oder Erkrankungen ihrer Insassen (Veterinärbericht) wurde ausführlich informiert. Doch auch diese Jahresberichte (Informationen) gibt es größtenteils nicht mehr oder sie sind oft nicht mehr öffentlich zugänglich. Auch die bereits oben beschriebenen detaillierten Informationen über die Zoo-Insassen wurden häufig auf ein minimales Ausmaß reduziert. So verzichten beide Berliner Zoos z.B. mittlerweile im Jahresbericht darauf, bei der Bekanntgabe einer Geburt auch Angaben über die Mutter oder den Vater (Namen, Herkunft oder Alter) zu machen. Was in Zeiten von Herrn Klös oder Herrn Dathe noch selbstverständlich war, ist heute zum bestgehüteten Betriebsgeheimnis mutiert. Weil Inzest- und Inzucht, dubiose Tierhändler oder Tierüberschuss von einer mündigen und kritischen Bürgerschaft mittlerweile nicht mehr einfach so hingenommen werden. Tierrechtsverbände, wie wir von EndZOO, sollen daran gehindert werden, die Öffentlichkeit über das mehr als fragwürdiges Zoo-Management zu informieren.

Undine Kurth stellte, während des oben erwähnten Fachgespräches, die Frage (nicht ganz wortwörtliche Wiedergabe), wie man denn feststellen könne, welche Tierarten sich in der Zoo-Gefangenschaft noch artgerecht halten lassen. Darauf haben wir TierrechtlerInnen nur eine Antwort.

FAZIT

Versprechen, Hochglanzbroschüren oder wohlklingelnde Worte der Zoo-Speziesisten können und dürfen nicht allein die Antwort auf diese Frage sein. Würden mündige und kritische Bürgerinnen und Bürger dies hier zulassen, dürften wir keinen Kernkraftwerksbetreiber mehr nach Strahlenwerten fragen. Einseitige Informationen sind und waren schon immer das Ende einer jeden Demokratie. Auch Zoo-Gefangenschaften und deren Betreibern dürfen hier keine Sonderstellung oder –rechte zuerkannt werden. Auch sie müssen uneingeschränkt Transparenz gewähren.

Um Frau Kurths Frage ehrlich und unabhängig beantworten zu können, bedarf es also Informationen oder Zahlen aus den bereits erwähnten Tierbestandslisten, Jahresberichten, Veterinärberichten, Obduktionsberichten und Zuchtbüchern der Zoos. Doch die Zoo-Speziesisten weigern sich noch immer vehement, diese Informationen offen zu legen.

Obwohl sie, laut Zoodirektor und WAZA-Präsident Junhold, eigentlich nichts zu verbergen haben?

Also Herr Junhold! Sorgen sie dafür, dass die Zoos endlich echte Transparenz zeigen!

WAS SIE TUN KÖNNEN

Fordern Sie Zoos schriftlich dazu auf,

  • … alle Informationen zu veröffentlichen oder einsehbar zu machen.
  • … Ihnen eine ausführliche Tierbestandsliste zuzusenden.
  • … die Tierbestandslisten der letzten fünf Jahre auf der Zoo-Homepage zu veröffentlichen.
  • … Ihnen die Geschäftsberichte der letzten fünf Jahre zuzusenden.
  • … die Geschäftsberichte der letzten fünf Jahre auf der Zoo-Homepage zu veröffentlichen.
  • … auf ihrer Homepage über den Verbleib des Nachwuchses ausführlich zu informieren.
  • … die Namen der Einrichtungen und Tierhandelsunternehmen zu nennen, die den Nachwuchs erhalten.
  • … Todesursachen und Obduktionsberichte verstorbener Tiere auf der Homepage einsehbar zu machen.
  • … alle Zuchtbücher, die diverse Zoos jährlich herausbringen, im Internet zu veröffentlichen.

 

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