EndZOO-Stellungnahme: Wie die Wilhelma Tierquälerei herunterspielt

20 Mai 2016

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 Mai 20, 2016
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Wie die Wilhelma Tierquälerei herunterspielt

Corinna ist eine verhaltensgestörte und damit keine normale Eisbärin

Nürtingen den 19.05.2016

Am vergangenen Mittwoch sorgte ein Eisbär-Video für viel Wirbel und Protest in der Facebookgemeinde. Im Film, den keine Tierschutzorganisation sondern ein Zoobesucher gemacht und ins Netz gestellt hatte, war die Eisbärin CORINNA aus der Stuttgarter Zoo-Gefangenschaft „Wilhelma“ beim ständigen und unruhigen Hin- und Herlaufen zu sehen. Der Autor schrieb unter das Video: „Man braucht kein Veterinärexperte zu sein um zu erkennen, dass dieses Tier hier eine Verhaltensstörung aufweist! Ihr als Zoo habt die !!!PFLICHT!!! für das Wohl der Tiere zu sorgen …!“

Mit einem Schlag wurde CORINNAS Leiden mehr als 1 Millionen Mal aufgerufen. Nachdem auch die Lokalmedien nicht mehr an einer Berichterstattung vorbeikamen, musste sich nun auch die Stuttgarter Zoo-Gefangenschaft zum Video und zu CORINNAS Verhaltensstörung äußern. Die Auffassungen und Äußerungen der Wilhelma sind von unerträglicher Ignoranz und Respektlosigkeit geprägt.

ENDZOO-STELLUNGNAHME

Die Wilhelma behauptet in den Medien (siehe unten), dass sich Eisbärin CORINNA mit diesem sichtbar unnatürlichen und nicht arttypischen Verhalten „relativ normal“ verhalte. Die im Video gezeigte Verhaltensstörung (Bewegungs- oder Laufstereotypie) ist jedoch nachweislich kein Verhalten, dass in Freiheit (Natur) sondern nur in Gefangenschaft vorkommt. CORINNA verhält sich also definitiv NICHT NORMAL!

Auch behauptet die Wilhelma in einigen Medien (siehe unten), dass CORINNA im Video keine Verhaltensstörung zeige. Auch diese Aussage ist eindeutig falsch. CORINNAs sichtbares Fehlverhalten ist bereits von mehreren Experten und in vielen Studien als Verhaltensstörung (Bewegungs- oder Laufstereotypie) beschrieben worden. Letztmalig sogar in einer großen Studie von Ulrike Stephan in 2006. In dieser Studie wurde sogar bei allen damals in Stuttgart gehaltenen vier Eisbären (ANTON, CORINNA, HALLENSIA und LARISSA) die unterschiedlichsten Formen der Verhaltensstörungen und Verhaltensauffälligkeiten beobachtet, nachgewiesen und als solche bezeichnet. Die Wilhelma kennt mit Sicherheit diese Studie.

Damals festgestellte Verhaltensstörungen und –auffälligkeiten:

ANTON: Verhaltensauffälligkeit des Lippenhängens

CORINNA: Lauf-Kopfwipp-Stereotypie

HALLENSIA: Stereotypie des Lippenflatterns und einer Laufstereotypie

LARISSA. Zwei Laufstereotypieformen

Die Stuttgarter Eisbären-Gefangenschaftshaltung brachte also nicht nur bei einem Individuum (CORINNA) mindestens eine Form der Verhaltensstörung hervor, sondern bei allen vier damals gehaltenen Eisbären. CORINNA ist also nicht als Ausnahme zu betrachten.

Übrigens zeigen auch die syrischen Braunbären in der unmittelbaren Nachbarschaft von CORINNA langanhaltende und ausgeprägte Laufstereotypien. Ebenso die Tiger und andere Raubkatzen in der Wilhelma.

Wir protestieren auch auf das Entschiedenste, das anerkannte Biologen und die Wilhelma-Geschäftsleitung solch anerkannte Verhaltensstörung nun öffentlich als „normal“ deklarieren und mit fragwürdigen und absurden Aussagen auch noch versuchen herunterspielen. Diese Form der Verleugnung von Missständen, Leiden und Problemen ist für EndZOO die Spitze der Ignoranz und Respektlosigkeit gegenüber nachweislich leidenden Eisbären.

Seit mehr als acht Jahren analysiert und dokumentiert EndZOO-Zooexperte Frank Albrecht die Haltungsbedingungen und das Verhalten der Eisbären in der Stuttgarter Zoo-Gefangenschaft.

Herr Albrecht kann mit weiteren Filmaufnahmen beweisen, dass CORINNA seit mehreren zurückliegenden Jahren diese stark ausgeprägte und bereits manifestierte Verhaltensstörung (Bewegungsstereotypie) aufweist.

Zudem gelangte CORINNA Ende 1990 im Alter von 11 Monaten nach Stuttgart. Bis heute und ohne Unterbrechung verbrachte sie unter diesen Haltungsbedingungen (die heutige Anlage wurde 1991 eröffnet) ihr bisheriges Leben. Es kann also ohne Widerrede davon gesprochen werden, dass diese vorherrschenden Gefangenschafts- und Haltungsbedingungen in Stuttgart CORINNAS Verhaltensstörung ausgelöst, hervorgerufen, geprägt und manifestiert haben.

Diese Eisbärenanlage und weitere artwidrige Faktoren haben CORINNA so sehr geschädigt, dass sie ihre Verhaltensstörung heute (mit wenigen Unterbrechungen) nicht mehr ablegen kann. Das ist bezeichnend!

Ebenfalls zu erwähnen ist, dass CORINNA zum Ausleben ihres angeborenen Lauf- und Wanderverhaltens nicht ganze 800 Quadratmeter (so die Wilhelma-Angabe), sondern nur lächerliche 300 Quadratmeter reine Landfläche (also Lauffläche im Außengehege) zur Verfügung stehen. Bei Abtrennung der beiden Anlagen sogar noch weniger. Für eine Eisbärin, die in Freiheit (Natur) „rund 50 Kilometer pro Tag zurückliegt“ (Würbel) und „Gebiete, die 1 Millionen Mal größer sind als ein Zoogehege durchstreift“ (Würbel) ist diese räumliche Nutzfläche der einer tierquälerischen Massentierhaltung durchaus vergleichbar.

Übrigens entspricht die kleinere Aufzucht-Anlage, bei einer neuerlichen Paar- und gleichzeitig Getrennthaltung, nicht mehr den gesetzlichen Anforderungen des so genannten „Säugetiergutachtens“. Eine Zuführung und Haltung eines zweiten Eisbären auf dieser linken Anlage, auch mit einer nur kurzzeitigen Getrennthaltung, wäre also ein Verstoß gegen geltendes Tierschutzrecht.

Abschließend muss auch der Wilhelma Aussage erheblich widersprochen werden, dass CORINNA nicht unter dieser Verhaltensstörung leiden würde. Selbst in der Studie von Ulrike Stephan ist beschrieben, dass Verhaltensstörungen das Wohlbefinden und das Wohlergehen empfindlich beeinträchtigen und das die betroffenen Individuen darunter oft sogar erheblich LEIDEN. Weitere entsprechende Expertenaussagen zu Verhaltensstörungen und Leiden finden Sie auf den nachstehenden Seiten.

JA! CORINNA wird eindeutig und Zeit ihres Lebens falsch gehalten! So falsch gehalten, dass sie ausgeprägte und mittlerweile manifestierte Verhaltensstörungen entwickelte und mittlerweile dauerhaft zeigt.

JA! CORINNA leidet nachweislich unter ihrer Verhaltensstörung und damit auch unter dieser Gefangenschaft und ihren Gesamtbedingungen!

JA! Die Stuttgarter Eisbären-Gefangenschaft ist, wie viele andere in Deutschland auch und unserer Auffassung nach, eindeutig als Tierquälerei zu bezeichnen!

Frank Albrecht (1.Vorsitzender von EndZOO Deutschland e.V.)

AUSSAGEN DER WILHELMA

Florian Pointke (Sprecher Wilhelma): „Das Tier habe einen Bewegungsdrang, das sei aber keine Verhaltensstörung. Also keine Verhaltensauffälligkeiten des Bären, obwohl die Bewegungen nicht natürlich sind und keinem essentiellen Zweck dienen?“ Quelle: Focus vom 18.05.2016

Ulrike Rademacher (Zoologin Wilhelma): „Das Hin- und Herlaufen der 26-jährigen Eisbärin Corinna sei <keine Verhaltensauffälligkeit>…Die Eisbärin verhalte sich <eigentlich relativ normal>. Sie habe eben nur die Angewohnheit – wie alle Raubtiere in Gehegen -, ab und zu mal hin- und herzulaufen. <Das ist eine Laufstereotypie>, so Rademacher, und nichts, was das Tier schädige. Man könne daraus auch nicht ableiten, dass dieses Tier komplett falsch gehalten sei.“ – Quelle: SWR-Landesschau vom 18.05.2016

Ulrike Rademacher (Zoologin Wilhelma): „Eigentlich ist Corinna wirklich sehr tiefenentspannt … Das sehe man daran, dass sie sehr viel spiele und sehr aufmerksam sei. Auch davon gibt es Videos im Netz. <Ich glaube, dass es Corinna sehr sehr gut geht>.“ – Quelle: SWR-Landesschau vom 18.05.2016 

Ulrike Rademacher (Zoologin Wilhelma): „Ich habe nicht den Eindruck, dass sie leidet … „Ich würde das nicht überbewerten.“ Besucher dürften sich kritisch mit der Haltung der Tiere auseinandersetzen. Dass gleich von Tierquälerei gesprochen wird, stimme sie traurig bis ärgerlich.“ – Quelle: Schwäbisches Tageblatt vom 18.05.2016

Ulrike Rademacher (Zoologin Wilhelma): „Das ist keine Verhaltensauffälligkeit in dem Sinne. Diese Eisbärin verhält sich eigentlich relativ normal. Sie hat nur die Angewohnheit, das machen aber alle Raubtiere in Gehegen … das sie ab und zu hin- und herlaufen. Das ist eine Laufstereotypie. Das ist nichts, was das Tier schädigt. Man kann daraus nicht ableiten, dass dieses Tier komplett falsch gehalten wird.“ – Quelle: Radiosender „Das Ding“ vom 18.05.2016

VERHALTENSSTÖRUNGEN

„Stereotypien sind definiert als wiederholte, unveränderte Muster von Verhaltenselementen ohne er-kennbares Ziel, die über beachtliche Zeiträume pro Tag ausgeübt werden. Sie treten bei verschiedenen Spezies von Zootieren auf und werden den Verhaltensstörungen zugeordnet.“ – Quelle: Dipl.-Biologin Ulrike Stephan, „Untersuchungen an Eisbären in europäischen Zoos: „Verhalten und Veränderung von Stresshormon-Konzentration unter Berücksichtigung der Gehegegröße und Gruppenzusammensetzung“; 2006

„Stereotypien bei in Gefangenschaft gehaltenen Tieren ist ein Symptom für schlechtes Wohlergehen und Wohlbefinden und weist darauf hin, dass das Tier psychisch und/ oder physisch leidet (Swaisgoog & Shepherdson/ 2005, Wechsler/ 1991).“ – Quelle: Paul Horsman for the Zoo Check Charitable Trust (now the Born Free Foundation), 1986 in “Captive polar bears in the UK and Ireland”

„Zootiere müssen sich in einem hierauf bezogenen sehr kleinen Zeitrahmen in diese veränderten Lebensbedingungen einfügen. Übersteigen diese Anforderungen die Adaptationsmöglichkeiten des Tieres, wird sein Wohlergehen beeinträchtigt (Broom, 1988; Carlstead, 1996). Sichtbares Kennzeichen können Krankheitsanfälligkeit sein, ausbleibende oder fehlgesteuerte Reproduktion oder auch Verhaltensstörungen (Kolter, 1995).“ – Quelle: Dipl.-Biologin Ulrike Stephan, „Untersuchungen an Eisbären in europäischen Zoos: „Verhalten und Veränderung von Stresshormon-Konzentration unter Berücksichtigung der Gehegegröße und Gruppenzusammensetzung“; 2006

„Eisbären laufen vor und zurück, nicken dabei ruckartig … Es sind rhythmische, manchmal über Stunden wiederholte Bewegungen ohne erkennbaren Zweck. Solche Stereotypien entwickeln sich, wenn Tiere dauerhaft gehindert werden, ihre natürlichen Verhaltensweisen auszuleben. Das sind <anerkannte Leidensindikatoren>. Wenn Tiere Verhaltensstörungen zeigen, geht es ihnen bereits über längere Zeit schlecht.“ – Jörg Luy, Professor für Tierschutz und Tierverhalten an der Freien Universität Berlin. – Quelle: „Verloren hinter Gittern“ aus dem Greenpeace-Magazin, Ausgabe 4 (2013)

„Hanno Würbel, Professor für Tierschutz an der Vetsuisse-Fakultät in Bern, kennt keine Haltung von Eisbären, <in der diese Tiere keine Verhaltensstörungen aufweisen>. In freier Natur legen sie bei minus 30 Grad rund 50 Kilometer am Tag zurück. <Man kann sie im Zoo nicht halten>.“ – Quelle: „Verloren hinter Gittern“ aus dem Greenpeace-Magazin, Ausgabe 4 (2013)

„Weite Gebiete durchstreifende Fleischfresser neigen ganz offensichtlich eher zu Problemen, die ihr Wohlbefinden einschränken, wie das wiederholte Hin- und Hergehen oder Kindersterblichkeit, wenn sie in Zoos gehalten werden.“ – Quelle: Forschungsgruppe Zoologie der Universität von Oxford (2003)

Hier finden Sie weitere „19 erschreckende EndZOO-Fakten zur Eisbärenhaltung

 

 

 

 

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